Buchrezension: Backen & der Sinn des Lebens

Buchrezension:  Backen & der Sinn des Lebens

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Fotos: © DK Verlag / Laura Edwards, Rezepte: Helen Goh

An diesem Rezensionsangebot hat mich vor allem der Titel gereizt.
Backen und die Entwicklung von Rezepten haben für mich nämlich eine weit über das reine Herstellen von Lebensmitteln zum Verzehr hinausgehende Bedeutung: Es ist gleichermaßen kreativ-fordernd und entspannend und ungeheuer befriedigend zu sehen und zu erleben, wie aus ein paar mit Bleistift auf einen Fresszettel hingeworfenen Daten und Zahlen ein köstliches, den Leib und die Seele nährendes Produkt werden kann.
Besonders solange ich noch berufstätig war und mich am Ende einer langen und harten Arbeitswoche gefragt habe, was genau ich eigentlich geschafft und erreicht habe – die Arbeitsergebnisse von „Kopfarbeitern“ sind ja selten unmittelbar greif- und fassbar –, waren meine Backsessions an den Wochenenden nicht nur produktiv, sondern auch heilsam.

Aber hier geht es ja nicht um mich, sondern um die Autorin des Buches, Helen Goh, ihres Zeichens Psychologin, Kochbuchautorin, Food-Kolumnistin und Chef-Rezeptentwicklerin für Yotam Ottolenghi, die hier eine gelungene Synthese ihrer Berufe und Berufungen in 100 Rezepten und erläuternden Texten niedergeschrieben hat.

Das Buch unterteilt die Rezepte für süßes und pikantes Gebäck, Torten, Keks, Desserts, Brote und Brötchen nicht nach Zutaten, Regionen oder Jahreszeiten, sondern orientiert sich an der Frage, welches Ziel mit dem Produkt verfolgt wird: Geben, Nehmen & Teilen; Umsorgen; Feiern; Erinnern & Bewahren; Gemeinschaft & Zugehörigkeit; Rituale & Tradition; Lernen, Wachsen & Erfolge feiern sind die Ordnungskriterien.

Das führt dazu, dass sich zwischen den Rezepten für eine Zitronentorte mit Labneh und eine Schoko-Tahin-Torte mit Sesamkrokant eine Brokkoli-Lauch-Pastete mit Ricotta findet. Das ist zunächst etwas ungewöhnlich und vielleicht auch verwirrend. Allerdings sind die Backergebnisse so wunderschön fotografiert, dass ich das Buch ohnehin erst einmal von vorne bis hinten durchgeblättert und jede einzelne Abbildung betrachtet habe.

Foto © DK Verlag / Laura Edwards

Außerdem gibt es ein alphabetisches Register, das sowohl die (Haupt-)Zutaten als auch die Titel der Rezepte erfasst. So findet sich die Crème Caramel mit Vanille & Muskat unter „C“ wie Crème ebenso wie unter „M“ für Muskat und „V“ für Vanille.

Jedem Rezeptkapitel ist ein erläuternder Text vorangestellt, der die Auswahl der Autorin für die jeweiligen Gerichte begründet.

Was die Herstellung betrifft, ist von einfach bis recht anspruchsvoll ziemlich alles vertreten. Die Rezepte sind sehr gut beschrieben und sollten jeder nicht gänzlich unerfahrenen Person gelingen.
Die Zutatenauswahl und -kombination klingt mitunter ungewöhnlich: Lorbeerblätter, um eine Karamellfüllung zu aromatisieren, oder Chrysanthementee in einer Frangipanefüllung für Galettes. Vielleicht nicht immer ganz leicht zu bekommen – neben Tipps zur Beschaffung werden jedoch auch Alternativen genannt, etwa für den Fall, dass kein Asia-Markt in erreichbarer Nähe ist.
Keines der Rezepte wird mit Sauerteig hergestellt, als Triebmittel kommt neben Trockenhefe Backpulver zum Einsatz.

Die Mengenangaben erfolgen nach Gewicht und Volumen, teilweise auch in Ess- und Teelöffeln. Letzteres ist zwar nicht meins – ich gebe in meinen eigenen Rezepten sogar Eier in Gramm an –, aber gleich zu Beginn des Buches wird in einer Anmerkung erläutert, welche Mengen damit gemeint sind. Damit kann ich arbeiten.

Das Ganze ist nicht nur eine weitere Rezepte- und Anleitungssammlung in der inzwischen unübersehbaren Flut an Backbüchern, aus der am Ende meistens doch kein Rezept Eingang in das eigene Repertoire findet. Es ist zugleich und vielmehr eine liebevoll geschriebene, sehr schön illustrierte und anregende Lektüre, die dem Backen von Kuchen, Torten, pikanten Gebäcken und Desserts eine neue, erweiterte Dimension verleiht. Es darf in meinem strikt limitierten Bücherregal bleiben – das größte Lob, das ich aussprechen kann.



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